DER HUND IM BILD
Sobald sich eine dünne Eisschicht auf dem Asphalt bildet und es schon mitten am Tag dunkel wird, urinieren die Männer im Wedding an jedem Zaun und an jeder Hausfassade. Auch vor meiner Haustür - zwischen kleinen Gorbatschow Flaschen, im Halbschatten der Straßenlaternen mit gesenktem Kopf wie tragische antike Figuren. Die Haustür liegt abgelegen von der Straße, eigentlich als Personaleingang für ein Hotel gedacht, das aber nie in Betrieb ging. Manchmal spaziert ein Weddinger Hund an der Tür vorbei und markiert sie immer wieder neu. Es sind Hunde, die ihr Revier patrouillieren. Hunde, die vor dem Supermarkt warten und im Fahrradkorb mitfahren. Hunde, die im See schwimmen und laut träumen. Hunde, die mit 300 Millionen Riechzellen an fremden Hosentaschen schnüffeln und die Gefahr von weitem spüren. Hunde, denen die Straßen gehören.
Der Hund kommt misstrauisch von der rechten Straßenseite ins Bild - in einem Strom aus paramilitärischen Truppen und Zivilisten: Frauen, Männern, Kindern. Es ist der „Wahlkampf 1932“* und alle marschieren in dieselbe Richtung. Der Hund zögert, bleibt an der Kreuzung stehen, wird beinahe von einem Fahrradfahrer überfahren. Aus einem Impuls heraus läuft er in die Gegenrichtung - diagonal durch den Massenzug und bricht dabei den Anmarsch. An der Stelle, wo der Bruch passiert, entsteht eine sichtbare Lücke. Doch der Hund verschwindet auf mysteriöse Weise, löst sich spurlos in der Menschenmenge auf. Ein Märtyrer - dieser Hund verdient eine Statue, denke ich auf dem Weg zur Bushaltestelle. Es fängt an zu tropfen. Als der Regen in „Pastorale“* einsetzt, rollt sich der Hund auf der Veranda resigniert zu einer Brezel zusammen. „Wenn es hier regnet, regnet es für eine lange Zeit.“ erklärt eine ältere Dorfbewohnerin den Stadtfrauen, die ihr fröhlich dabei helfen, die Wäsche von den Leinen einzusammeln.
Im Seminarraum flackert das klinisch weiße Licht. Die Röhre machen krkrkrkrk und es wird plötzlich dunkel. Jetzt brennt nur noch das Projektorlicht. Ein weißer Mischling mit etwas Edlem in seiner Erscheinung. Vielleicht auch der Grund, warum der Hund in „Langer Abschied“* einen Great Dane spielt. Der Hund macht seinen Auftritt nach einer Naheinstellung von einer Frau, die sich die Haare föhnt. Die Strähnen bewegen sich in Wellen und man hört das Meer. Der Hund läuft mit einem Stock von links ins Bild rein, im Hintergrund findet eine Begrüßung statt. Der Hund ist kurz abgelenkt von der Person, die sich hinter der Tür rechts versteckt, setzt aber dann sein Spiel fort, das eines Hundes, der aufgeregt und zeremoniell an der Begrüßung teilnimmt. In der nächsten Szene sitzt er auf der Veranda und wartet auf ein Zeichen. Erst als die kokette Frau ihren Schuh in die Ferne wirft, darf er loslaufen. Die Kamera verliert ihn kurz aus der Schärfe. „Ich liebe Mischlinge, das sind die besten Hunde“, sagt die Frau. „Das ist doch kein Mischling, das ist ein Great Dane“, sagt der Besitzer.
Zwischen Tisch- und Menschenbeinen sucht ein Hund verzweifelt nach Essen. Vermutlich ein Strassenhund aus einer griechischen Insel oder einem rumänischen Tierheim, leicht erkennbar am exzessiven Speichelfluss auf dem Fliesenboden und niedriger Lichttoleranz - ein Hund, der zu oft zu hungrig in der Sonne stand. Und wer die Zeichen erkennt, kann nicht weit von denen aufgewachsen sein. Der Hund unterbricht mit seinen lethargischen Augen Luana und Katinka in ihrem Gespräch über Fernbeziehungen. Die beiden Frauen finden es befremdlich, dass Hunde sich so selbstverständlich in unserer Kantine aufhalten dürfen. Sie hätten per se nichts gegen Hunde, wobei ich meine, das ist absurd, im Westen sind de facto selbst Straßenhunde diszipliniert. Ich wünschte, ich hätte mich doch nicht dazu geäußert, weil im nächsten Moment der Hund die Hand einer Erstjahres-Studentin gebissen hatte. Die Studentin hat es einfach ignoriert und weiter gegessen, um wahrscheinlich kein Drama daraus zu machen. Der Hund aber hat weiterhin insistiert, knurrend und fordernd, als würde er im nächsten Moment die arme Studentin runterschlucken wollen. Und plötzlich ist der barbarische rumänische Instinkt in mir erwacht. Ich bin draußen zum Parkplatz gerannt - aus einer Dringlichkeit, Zivilisation in unserer Kantine wiederherzustellen. Im Gras habe ich panisch, wie der Hund nach Krümeln, nach Steinen gesucht. Blind vor Wut bin ich dann auf den Hund gestürmt, der sich noch im letzten Moment versucht hat, sich für seine Tat zu entschuldigen, aber Dressur funktioniert nicht so. Der Hund soll wissen, dass das, was er gemacht hat, falsch war. Raus, du Bestie! Raus aus unserer Kantine, du vierbeiniger Parasit! - wurde unter anderem geschrien.
Auf dem Heimweg sehe ich den Hund mit seinem Besitzer an der Bushaltestelle. Der Hund hält den Kopf hoch, sein Blick auf der lauten Straße fixiert. Er ist stolz und verletzt und will mich nicht anschauen. Die Scheinwerfer strahlen dramatisches Licht aus und irgendwie sieht der Hund so filmisch aus, dass ich sofort denke - der Hund wird das Erste sein, was man in meinem neuen Film sieht. Als der Bus ankommt, steigen Hund und Besitzer ein. Ich laufe noch ein paar Stationen zu Fuß, bis meine Hände eingefroren sind.
* „Wahlkampf 1932 (Letzte Wahl)“ von Ella Bergmann-Michel (Deutschland 1932)
* „Pastorale“ von Otar Iosseliani (UdSSR 1976)
* „Langer Abschied“ von Kira Muratowa (UdSSR 1971)

