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DINGE, DIE IM KINO
NICHT PASSIEREN

Das Kino schneidet seine Bilder aus der Welt. Und doch unterscheidet sich das Leben in den Bildern von unserem Alltag. Es gibt Dinge, die im Kino nicht passieren. Und es gibt Dinge, die in der Welt nicht passieren. Das Leben im Kino verläuft reibungsloser als unser Alltag. Vielleicht weil die meisten Filme bloß zwei Stunden dauern, während die meisten Menschen viele Jahre leben. Das Kino steht unter größerem Zeitdruck als die Welt. Daher hat das Leben in den Bildern ein größeres Verlangen nach Eleganz: die Figuren müssen nie nach Parklücken suchen, wenn sie in Eile sind, haben immer passendes Wechselgeld in den Taschen, das sie in fließenden Bewegungen auf die Tresen legen. Sie leiden nie unter akustischen Verständigungsproblemen. Die Luft in den Bildern ist so beschaffen, dass die Figuren sich nie einfach so erkälten. Wer hustet, stirbt bald. Die Menschen, Dinge und Räume im Kino sind entweder geruchslos oder riechen so stark, dass die Gesichter der Figuren sich unwillkürlich verziehen. Die Lüftungsschächte in den Bildern sind groß genug, dass, wenn schon nicht Körper, so doch zumindest Koffer durch sie hindurchpassen. Und die Architekten, die die Küchen der Bildwelten entwerfen, scheinen offene Küchen zu bevorzugen, in denen genug Platz für eine Schuss-Gegenschuss-Situation ist. Generell sind die Wohnungen im Kino, selbst die ärmlichen, von der Tendenz her ein bisschen größer als in unserer Welt. Generell sind die Menschen, die im Mittelpunkt der Geschichten stehen, von der Tendenz her ein bisschen normschöner als in unserem Alltag. Gleichzeitig scheinen die jungen Figuren in den Bildwelten, die die noch zur Schule gehen, ein bisschen mehr vom Leben gezeichnet als die in unseren Lehrinstitutionen. Ununterbrochene Eleganz hat ihren Preis.

Das Leben in den Bildern wird heimgesucht von Gespenstern. Vielleicht ist es das visuelle Echo der Filmschaffenden, die ihr Leben dem Kino verschrieben haben, die die eigene Welt herschenkten für die Bilder. Wie die Hohlräume, die die verwesenden Körper in der vulkanischen Asche von Pompeji hinterließen, brennen die Filmschaffenden sich in die reflektierenden Oberflächen ihrer Filme, in die Spiegel, metallenen Türknäufe, Autofenster und Glastüren. Auch ihre – auch unsere – Körper verwesen und werden konserviert als Hohlräume in den Bildern, als flüchtige Schatten hinter einer Kamera, eng zusammengedrängt, wie einst die Menschen in Pompeji, auf die das Vulkangestein hinunterregnete. Und wenn unsere Körper sich vollends zersetzt haben, werden vielleicht bloß noch die Reflexionen in den Objekten der Bilder Beweis dafür sein, dass wir einst atmeten, gewünscht haben, gemeinsam lebten. Wie die Hohlräume in der Ascheschicht sind die Gespenster Produkt eines Unfalls, einer Sache, die so nicht hätte passieren dürfen. Insbesondere die Tonassistenten mit ihren Angeln, mit ihrer Affinität für die Klänge und das Gesagte, suchen das Sichtbare heim. Sie hausen in den Schlafzimmern und Hotelräumen der Bilder, belauschen die Figuren, für die sie unsichtbar sind, bei ihren intimen Unterhaltungen wie eine Geheimpolizei, stehen, wenn die Figuren schlafen, an deren Betten und zeichnen ihre flache Atmung auf, machen so aus jedem Film einen Horrorfilm. Vielleicht nehmen sie so Rache an einem Medium, das die Arroganz hatte, in seinen ersten Jahren auf Hörereignisse zu verzichten.

Und so wie das Leben in den Bildern heimgesucht wird von denen, die sie machten, wird unser Leben heimgesucht vom Kino. Die Filmpaläste des 20. Jahrhunderts sind bloß noch Ruinen. Trotzdem geistert das Kino durch unsere Gesten, unsere Blicke, durch die Bilder, die sich abgelöst haben von ihm und nun körperlos durch unseren Alltag schwirren. Wenn die Fotografie dem festen Aggregatszustand entspricht, das Kino die Fotografie geschmolzen hat, die Bilder verflüssigte, so hat das Internet das Kino verdampft, die Bilder in einen gasförmigen Zustand versetzt. Sie sind nicht mehr zwischen die Finger zu kriegen und doch durchdringen sie alles. Sie liegen in der Luft. Sie wurden entfesselt, befreit vielleicht, wie Rauch, der aus einem Schornstein steigt, und unmöglich wieder einzufangen ist, sobald er sich einmal im Himmel verteilt hat. Das Schöne an Gespenstern ist ja, dass sie ein gutes Gedächtnis haben. Sie können nicht vergessen. Nachdenklich blicken die Bilder von den digitalen Werbeflächen in den Fußgängerzonen und den U-Bahnhöfen zu den Menschen. Wenn man genau hinsieht, blitzt in ihrem Blick hin und wieder eine gewisse Wehmut auf, darüber, dass die Menschen einst zu ihnen strömten, um sie in der Dunkelheit des Kinosaals zu betrachten, ihre Ellenbögen aneinanderrieben, die Bilder sie nicht aufsuchen mussten, wie sie es heute tun. Es gibt Dinge, die im Kino nicht passieren. Und es gibt Dinge, die in der Welt nicht passieren. Doch weil das Kino in der Welt passiert ist, steht seitdem eine Tür einen Spaltbreit offen zwischen unserem Alltag und dem Zeichensystem des Kinos. Durch ihn dringen die körperlosen Bilder und bevölkern unsere Straßen, da sie anderswo exorziert wurden.

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