VERLIERERKRAUT
TAGEBUCH
1. April 26
Heute reist die Crew aus Berlin an. Ich bin schon seit einigen Tagen in Naurod (etymologisch: neue Rodung; Einwohnerzahl: ca. 4500).
Gestern Abend habe ich „Aprile“ von Nanni Moretti geschaut, um bei der leichten Nervosität, die sich vor dem ersten Drehtag unweigerlich einstellt, nicht zu vergessen, dass Filmemachen Spaß machen soll. Als der Konditor in der letzten Szene von Morettis Film zu tanzen beginnt, bekomme auch ich Lust. Es gibt nicht viele Filmemacher, die ihrem Publikum das Gefühl geben, dass es zu tanzen verstünde.
Außerdem ist hinter meinem rechten Ohr ein roter Pickel. Im Internet lese ich, dass es sich dabei um eine Mastoiditis handeln kann, die, wenn man sie nicht behandelt, zu folgenden Komplikationen führt: Hirnhautentzündung, Blutvergiftung, Gesichtsnervenlähmung.
Mio, der Hauptdarsteller, und die Crew rufen mich an und machen einen Aprilscherz, tun so, als wäre er an einer Raststätte vergessen worden. Ohne Schuhe.
2. April 26
Der Arztbesuch am Morgen ergibt, dass der rote Pickel tatsächlich bloß ein Pickel ist. Der Arzt fragt, was ich so mache. Als ich sage, dass ich an einer Filmschule bin, erwidert er, dass man das ja richtig wollen müsse.
Wir fangen heute langsam an und filmen Mio dabei, wie er durchs Dorf läuft. Dann noch eine Szene, wie er auf dem Fußballfeld döst. Er kriegt einen leichten Sonnenbrand.
Lilli und ich tragen die gleiche Adidas-Sportjacke in Dunkelrot. Auf Instagram lassen wir abstimmen, wem sie besser steht. Lilli gewinnt mit 92%.
Abends treffe ich im Dorf auf einen Schauspieler, mit dem ich mal vor knapp zehn Jahren einen Film gedreht habe, damals noch in Freiburg, er meint, dass er gerade nichts zu tun hat und am kommenden Dienstag Komparse sein könne für eine Szene im Gasthaus.
Meine Schwester schickt mir ein Video, das ihr eine Freundin gesendet hat, die nun seit ein paar Tagen wieder zurück ins Dorf gezogen ist, nachdem ihre Beziehung, kurz nach einem Urlaub in Bangkok, in die Brüche gegangen ist. Es zeigt uns, gefilmt durch ein Fenster, beim Arbeiten auf der Straße.
3. April 26
Wir drehen morgens in einem Erotikshop. Der Besitzer spielt den Verkäufer und inszeniert Sophie, indem er ihr erzählt, auf welche Weise Menschen oft verschämt nach bestimmten Artikeln fragen. Er ist gebräunt, weil er gestern erst aus Thailand wiedergekommen ist.
In der Pause zwischen den Takes wartet Hedda draußen vor dem Geschäft und trifft dort auf einen ehemaligen Klassenkameraden aus Rumänien, der am Karfreitag mit seiner Mutter durch Wiesbaden läuft. Hedda erklärt, dass sie für einen Dreh vor dem Erotikshop wartet. Auf die Nachfrage des ehemaligen Klassenkameraden erklärt sie, dass der Film von Jugendlichen handelt, die Gras rauchen.
Marlon reist heute aus Ludwigsburg an. Er spielt das unsichtbare Orakel, dass in einem Kanalisationsrohr lebt und auf ungenaue Weise die Zukunft voraussagen kann. Das Orakel soll dabei weltmännisch klingen. Marlon versucht so zu sprechen, wie De Niro in „Casino“, Hedda ist unzufrieden und meint, er solle es mal mit Clooney versuchen.
Dann noch eine Szene unter einer Autobahnbrücke. Ich mache mir kurz Sorgen, dass jemand stürzen könnte. Lillis Handy fällt aus ihrer Tasche und rutscht die lange Schräge aus Beton hinunter. Anton, Tonmeister, birgt es heroisch, indem er selbst hinunterrutscht.
4. April 26
Wir drehen heute drei Szenen an einer Bank im Feld. Die Figuren treffen sich dort, um Gras zu rauchen und sich zu unterhalten - Flugzeug, Feuerwehr, Krankenwagen.
Ein Motorradfahrer mit polnischem Kennzeichen interessiert sich für unseren Dreh und schaut für ein, zwei Stunden zu. Dann fährt er weg und kommt mit Schokolade zurück. Er fährt abermals, kommt zurück und fragt Zhana, ob sie nicht morgen mit ihm einen Kaffee trinken wolle. Er wird zurückgewiesen und fährt weg. Nicht viel später kommt er ein drittes Mal zurück und gibt Lilli Blumen für Zhana. Später erzählt Philip, dass er gesehen habe, dass der polnische Motorradfahrer Vodka-Energy aus der Dose getrunken habe.
Max, Produktion, fährt heute bis Montag nach Hause. Er hat vor zwei Wochen geheiratet.
Weil morgen, Sonntag, ein drehfreier Tag ist, spielen wir abends ein Kicker-Turnier in dem Tagungscenter des Bistums Limburg, in dem die Crew untergebracht ist. Pina, die Regieassistenz, hat ein kompliziertes KO-System entworfen. Regina und Nikita gewinnen.
5. April 26
Ostersonntag. Den ganzen Tag über habe ich einen Ohrwurm von „Gopher Mambo“.
Wir fahren nach Wiesbaden, um in die Spielbank zu gehen:
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Anton verliert 10€
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Hedda verliert 10€ (und wird auf dem Hinweg beim Schwarzfahren erwischt)
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Ich verliere 20€
Mio und Viktor müssen draußen warten, weil sie ihre Personalausweise nicht eingesteckt haben.
Danach zwei 8er-Bembel in einer Kneipe.
6. April 26
Heute nur Szenen in einem Hotel an der Autobahnausfahrt.
Für einen Badezimmer-Monolog spiele ich Sophie „The Living Dead“ von Farah vor, ich schließe meine Augen und denke kurz, ich muss weinen.
Mittags gibt es grüne Soße.
Hedda macht Fotos von der Crew vor einer hölzernen Schiebetür, in den Händen die Szenenbild-Rosen.
Beim Abendessen im Innenhof der Schneiderei in Naurod sprechen wir über Reality-TV.
7. April 26
Alex, der Schauspieler, den ich das letzte Mal vor knapp zehn Jahren sah, sagt kurzfristig seine Komparsenrolle ab. Er habe eine Wohnungsbesichtigung.
Klaus, Komparse, 90, ehemaliger Chemie-Professor, erzählt mir, während einer Szene vom Gasthaus, dass es im Nachbardorf eine schöne Streuobstwiese gibt.
Es stellt sich heraus, dass Claudia, ebenfalls Komparsin, im Jahr 1989 die Äppelblüte-Königin des Dorfs war.
Erkin, ein 16-Jähriger, den wir beim Drehen auf einem Feld kennengelernt haben, ist tatsächlich, wie versprochen, erschienen, um Komparse zu sein, für eine Szene vor der Schule. Er bringt einen Freund mit. Ich schlage dem Freund vor, dass er für die Szene einen Bottleflip versuchen könne, er ziert sich, macht es dann doch. Ich denke, der Flip wird nicht im Film landen.
8. April 26
Sonne. Nikita spielt heute ihre erste Dialogszene seit drei Jahren in einem der Räume des Bistums. Sie spricht im Schlaf. Es ist schön, den Tag mit einer Einstellung einer Schlafenden zu beginnen.
Überall sind Priester in schwarzen Gewändern. Wahrscheinlich eine Tagung. Einer sagt zu seinem Kollegen: „Die Natur ist hier schon viel weiter.“
Drei Brüder fahren in einem Polo nach Naurod, um Komparsen für eine Szene in der Kellerskopfhalle zu spielen. Sie alle haben mal im selben Tischtennisverein gespielt.
Claudia macht Cappuccinos und Muffins.
Abends kommen eine Handvoll Leute aus dem Jagdverein ins Gasthaus, um Komparsen zu spielen. Für den Nurton erzählt einer von ihnen, wie er fast einen großen Eber erschossen hat. Der Kellner des Gasthaues bleibt ein wenig länger und bietet Lilli an, sie nach dem Dreh nach Hause zu fahren und fragt, ob sie nicht mal was trinken gehen wolle mit ihm.
9. April 26
Anton, Zhana, Mio und Lilli sind gestern Abend noch in die Spielbank gefahren:
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Anton verliert 20€
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Zhana verliert 14€
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Lilli verliert 14€
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Mio gewinnt 21€
Wir drehen heute bloß zwei Einstellungen: einen langen Zoom auf der Hauptstraße des Dorfs und eine Szene, in der Mio Nikita durch das Fenster eines Schuppens beobachtet, wie sie Spaß hat und Alkohol trinkt. Mio kann das nicht ertragen und wirft ein Glas in Richtung des Schuppens. Das Glas bricht. Wir fragen zwei Teenager, die abends am Sportplatz rumlungern, ob sie Lust haben, mitzuspielen. Die beiden sind in der Szene zu sehen, vapend.
Der Motivgeber ist auch da und grillt Würstchen im Off. Einen Take müssen wir wiederholen, weil er die Würstchen anbrennen lässt und eine Rauchwolke auf den Sportplatz zieht.
Als wir abbauen, beginnt es zu regnen.
Luanas Matratze liegt im Wohnzimmer. Es ist drei Uhr morgens, sie will schlafen, Philip und ich gehen auch ins Bett.
10. April 26
Die Crew reist heute ab. Bloß Anton und Regina bleiben noch für einen Tag. Außerdem kommen meine Eltern wieder nach Hause. Ich stehe früher auf, um ein wenig zu putzen und fühle mich, als wäre ich wieder vierzehn, geplagt von einer diffusen Sorge, etwas falsch zu machen, grundlose Schuld gewissermaßen.
Wir entscheiden uns spontan nach Auringen zu fahren und halten an einer Weide, um ein paar Schafe zu filmen. Die Schäfer - einer von ihnen ist der Bruder von der Frau, deren Beziehung in Bangkok in die Brüche gegangen ist - erzählen uns, dass die Fruchtblase von einem der Schafe geplatzt ist und, dass es gleich werfen wird. Wir filmen die Geburt. Das Lamm ist schwarz und schleimig. Es regt sich so lange nicht, dass ich Angst habe, eine Totgeburt gefilmt zu haben. Nach einigen Minuten beginnt das Lamm dann zu wimmern und versucht aufzustehen.
11. April 26
Regina, Anton und ich fahren mit dem Sprinter zurück nach Berlin.
Auf der Autofahrt erzählt Anton mir, dass sein Vater Giallo-Fan ist und, dass sie sich darüber gestritten haben, ob „Suspiria“ von Argento oder „Suspiria“ von Guadagnino der bessere Film ist. Danach analysieren wir das Gesamtwerk amerikanischer Regisseure danach, welcher ihrer Film kulturell am bedeutendsten war und welcher am besten ist. Bei den Coens denken wir beide, dass „The Big Lebowski“ wohl der kulturell bedeutendste Film ist, aber Anton favorisiert „No Country for Old Man“, während ich „Fargo“ vorziehe.
Bei einem Autobahn-McDonalds beschwert sich ein Mann auf sächsisch, darüber, dass ein Coupon nicht mehr gültig sein. Es gehe ihm ums Prinzip. Seine Tochter steht daneben und scheint peinlich berührt.
Abends komme ich endlich dazu, die Muster der letzten Tage zu schauen. Es ist erstaunlich: in vielen Einstellungen entdecke ich im Hintergrund Menschen, denen wir während des Drehs wieder und wieder begegnet sind. Das macht mich irgendwie glücklich (ich trinke währenddessen zwei Gläser Weißwein und eine Limo).
12. April 26
Der letzte Drehtag. In der „Filmkritik" habe ich mal einen schönen Text von Max Ophüls gelesen, der melancholisch beschreibt, wie die Crew über die letzten Tage eines jeden Drehs immer kleiner wird, die Leute sich beginnen, über neue Projekte auszutauschen. Ich teile die Melancholie: Hedda ist heute schon nicht mehr dabei; Philip heuert Regina für Heddas Film an; Lilli und Zhana planen die Produktion eines Films von Teri, einer Kommilitonin; Sophie bereitet sich mit einem Buch auf einen Serien-Piloten vor. Aus Regie-Perspektive spielt da, denke ich mir, sicherlich auch viel Geltungsdrang und Ego mit: mit einem Mal steht man nicht mehr im Mittelpunkt des Geschehens bzw. der Verlust der Notwendigkeit der eigenen Person fürs große Ganze kündigt sich an.
Wir drehen heute noch eine Szene, in der Sophie die tote Oma von Viktor aufsucht, um bei ihr die Erlaubnis einzuholen, einen One-Night-Stand mit ihrem Enkel haben zu dürfen. Karen, die Komparsin, stellt uns Schwarzweiß-Fotos von ihrer Kindheit fürs Szenenbild zur Verfügung. Eines der Fotos zeigt Karen als Kind, im Arm einen kleinen Löwen. Sie erzählt, dass das damals im Berliner Zoo gängige Praxis gewesen sei.
Beim Dreh der vorletzten Szene, in der Sophie Viktor ihre Brüste gestisch zeigt (im Gegenzug dafür, dass er sie zu seiner toten Oma lässt), müssen wir mehrere Takes wiederholen, weil Sophie und Viktor ihre Rollen brechen und lachen.
Abends schaue ich „Habemus Papam“ von Moretti. Es gibt da eine Szene, in der die wahlberechtigten Kardinäle der Weltkirche, angeleitet von Moretti, dem besten Psychoanalytiker Italiens, ein Volleyball-Turnier veranstalten, um den zaudernden Papst, gespielt von Michel Piccoli, der sich (vermeintlich) in seinem Gemach versteckt, aufzuheitern.
Piccoli erinnert mich – das fällt mir heute zum ersten Mal auf – ein wenig an meinen verstorbenen Großvater Linus.

