RADFAHREN MIT TILDA SWINTON
I am a shape
I am a moving shape
I am a moving shape on wheels
I am a green shape, tree like
I am a moving tree
so many trees
I'm green today
I am a bit of a bike
I am attached to this bike
I do not know where we are going
the bike is taking me wherever it is going
Früh bereits dicht gedrängte Menge von Menschen – Touristen – bilden bewegliche Teppiche vor dem Brandenburger Tor. Das Zentrum, nur wenige Meter davon entfernt: Verwaltungsmaschinerien; Reichstagsgebäude, Kuppel Norman Foster, ehemals eingehüllt und früher abgebrannt, an manchen Stellen dunkel gefärbter Sandstein. Marie-Elisabeth- Lüders-Haus, Parlamentsgebäude, und Paul-Löbe-Haus jeweils zu einer Seite der Spree. Dominierend: Wasser und Glas. Schöne Schattenwürfe unter den verbindenden Brücken. Hier im centro politico beginnt (und endet) Tilda Swinton's Radtour in „Cycling the Frame“ (1988) von Cynthia Beatt – und auch meine. Tilda fährt einmal die – zu dieser Zeit noch voll bestehende (auch funktionierende?) – Berliner Mauer entlang. Dieser Spur bin ich – ähnlich Tilda gefolgt, einem Zug gleich: „Which goes along walls. Tschu Tschu.“
Da wo die Mauer stand und dann demoliert wurde, ist inzwischen der Berliner Mauerweg gut ausgeschildert und befahrbar. Ich wähle auch das Rad; aufgeteilt habe ich die 163 km auf vier Tage im März 2025. Erste Eindrücke innerstädtisch: Stadtzentren haben erstaunlich wenig Platz für Charakter, was erklärt, warum man so gut wie nie dort ist. Dominierend sind Bauareale und Glasfassaden im Kern, viel Neubau hinter dem Hauptbahnhof – eigentlich könnten wir überall sein.
Bevor es zum Prenzlauer Berg geht: der Block 270 von Josef Paul Kleihues (fertiggestellt 1977). Dazu eine Frage, die ich mir während der Tour noch oft stellen werde: Wie muss ein Entwurf von Großwohnungsanlagen – Format L – (später Märkisches Viertel, Gropiusstadt) funktioniert haben, wenn man direkt mit einer Mauer als Einschnitt rechnen konnte? Wie integriert man diese Einschränkung? Nicht nur ästhetisch, sondern auch wirklich physisch musste mit der limitierten Beweglichkeit der Bürger in ihrer direkten Umgebung geplant werden: “It's all so bizarre, but – West Berliners seem to be so studiously ignoring the wall, it's like – living on an island and ignoring the sea, it's sort of a taboo subject and so the enormous attention, that is given to the wall by the men in the towers on the east, seems to be an unbalanced thing.”
Prenzlauer Berg folgt mit bunter Uneinigkeit. Ein größtenteils für Wohnungen genutzter Bezirk. Geschminkte Häuser aka viel sanierter Altbau. Familienfreundliche Stadtgestaltung, man sieht mehr und mehr Fahrradstraßen. Böse- und Swinemünder Brücke beeindrucken mit ihren schönen, präzisen Schwüngen im Stahlskelett. Pankow hat 2020 weitere lange Relikte der Grenzanlage entfernt – hier entstehen Parkanlagen neben den S-Bahn-Gleisen. Halbe Sache, denn: nicht unbedingt die besten Erholungsorte, und doch eine gute Entscheidung. Gerade bei dem Lärm der Züge.
Märkisches Viertel. Ein ehemals nach Ost-Berlin ragender Zipfel. Gleichzeitig das größte Wohnungsbauprojekt Westdeutschlands um 1960. Anfangs schillernd angekündigt, ist das erste Bild dieser Bauten damals überschattet durch die Berichte von Zwangsumsiedlung und Prekarität. Personen aus der inneren Stadt (die renoviert und teilweise abgerissen wird) – größtenteils marginalisierte Personen ziehen ein. Es fehlt an Infrastruktur. Es wird vom „Problemviertel“ berichtet. Später formen sich hier aktive politische – antikapitalistische – Bewegungen, studentische Aktivist*innen (u. A. Ulrike Meinhof) verfassen Texte – Märkische Viertel Zeitung –, organisieren sich mit Bewohner*innen und arbeiten eine klare, noch heute anwendbare Kritik heraus: dass das Wohnen (z. B. Wohnraum bereitstellen) durch die Möglichkeit von Kapitalakkumulation (Form: Miete) klar den lebensformenden, aber nicht konsum-befriedigenden Bedürfnissen untergeordnet wird. Meine erste Impression: inzwischen ist alles sehr gediegen. Wir suchen lange nach einem Café; es ist gut durchgrünt, viele Rentner*innen prägen das Straßenbild. Durch das Wegfallen der Grenzmauer besteht auch ein direkter Zugang zu ausgedehnten Parks.
Nächster Ort der Begeisterung – eins nach dem anderen: ”Oh, my legs…Oh, my legs…my legs…Oh, my legs…my legs…” Zuerst die Heidedurchquerung, intensives Blickduell an einer Kreuzung zwischen dem hübschen und dem hässlichen Blockhaus. Dann die Invalidensiedlung. Spandauer Forst überzeugt als Erholungsareal mit Schattenspiel von Kiefern und riesig füßigen Strommasten. Was mich schon die ganze Zeit über fasziniert, ist die Verknüpfung von Symbolik und Objekt bis hin zur Personifikation: “Oh wall, oh wall, oh pretty wall, it would be funny, if you did fall and people could step over you and go about their business. Oh wall, oh wall, or pretty wall, when I see you, it does apoor me to the quick”. Villen in Alt Glienicke und Kladow, denn auch die Reichen möchten augenscheinlich für sich sein. Der Schwanengrund protzt mit den teuersten Grundstücken (und Häusern) Deutschlands. Grenzend zu Potsdam verlockt das Wasser: ”Look at these fish! look at their red fins! -- and they get all silver when they turn. Aren't they beautiful? Come here, come closer. I wanna swim, I wanna swim, I wanna swim, I wanna ride my bicycle right into the lake.“
Die Transformation von Checkpoint Bravo führt nun die Autobahn nach Berlin. Nach Lichtenrade und Feldblicken folgt die Gropiusstadt. Eigenständiger Stadtteil von Neukölln, ehemals Gründerzeitviertel, Großsiedlung, die ab 1958 ursprünglich von Walter Gropius erdacht wurde. Die Pläne wurden häufig geändert, und bereits ab Lichtenrade sichtbar ragen die jetzt zum Teil 30-geschossigen, in sich überraschend uneinheitlichen Gebäude in die Luft.
Man soll Präzision in der Natur des Objekts finden; da die Natur der Architektur jedoch gering ist, tut sich hier ein großer Disput innerhalb der Disziplin auf. Doch auch der Opus Contra Naturam ist unerreicht (kann nicht erreicht werden?). Gleichzeitig sagt Blaise Pascal, dass Natur nur der erste Schritt einer Fertigung ist und die Konstruktion der zweite? Müssen die Prozesse zusammengedacht werden? Tilda liest von einem Banner für eine neue Müllverbrennungsanlage in Neukölln ab: „Industry is the enemy of life, nature is the friend of life.“ So oder so ähnlich ist der Konsens in linken Kreisen seit der 68er-Bewegung. Doch bleibt es eine Unmöglichkeit, Aussagen darüber zu treffen, ob bei der Erfüllung aller Ideen ein anderer Zustand herrschen würde. Menschliche Artefakte bleiben unvollkommen. Und Gropius’ Pläne werden zusammengestrichen, auch durch den Mauerbeschluss, der das Areal stark begrenzt. Andere Architekten übernehmen einzelne Komplexe, und es entsteht das heute sichtbare Flickenwerk. Heute ist alles neu: Vom Dörferblick aus sieht man, wie Flugzeuge im Minutentakt vom neuen BER aufsteigen und wieder Richtung Stadt fliegen. Vorbei an Fabriken – Industriebau-Ästhetik, die nur der Funktion folgt? – geht es nach Neukölln, in schöne, unbekannte Areale am Ende der Sonnenallee.
Checkpoint Charlie und die East Side Gallery. Alles wirkt deplatziert. Aus dem Rahmen gefallen. Der Öffentlichkeit zur Schau gestellt (so funktioniert die Ikonenschau). Die Freiluft-Galerie. Berlin zeigt sich der Welt und ihren vielen Repräsentanten – den Touristen – interessiert an seiner eigenen Geschichte. Die Stadt als Museum (auch die Stadt der Sieger). Nur als Gedankenexperiment: Wie würde sich unsere Stadt heute verhalten, wenn man, anstatt die Reste zu beseitigen, die Mauer umgedeutet hätte? Oh Wall, wie hättest du dich verändern können? Zum Beispiel nur die äußere Wand als mit Toren durchbrochenes Band? Oder den Grenzstreifen als innerstädtische Parkanlage umdeuten? Vom Potsdamer Platz sind es nur wenige Meter, und ich bin am Ausgangspunkt. Viel hat sich wiederholt auf den Touren, einige Orte sind überholt. Dreieinhalb Jahrzehnte reichen, um die Stadtgeschichte grundlegend umzuschreiben. Es wird sich weiter ändern. Die Stadt wird sich ständig wandeln. Lang lebe das Rad.
what am I going to do
I'm all right
I'm all right
I'm absolutely fine
I am really okay
everything will come out in the wash
everything will be as it should be
end and that is it
Finito
Closed

Hermine Schößler (geb. 18.11.2002) studiert seit 2024 Architektur an der UdK Berlin. Der Text ist eine abgeleitete Fassung aus der Arbeit „Gedanken zur Stadt, Geschichte, Bewegung anhand des Mauerweges aus Cycling the Frame (1988) von Cynthia Beatt“.
