FAHRSTUNDEN
Drehende und Rückladen, alle sind beschäftigt. Philip ist dabei, die Technik in seinem Sprinter zu sortieren, ich esse Nüsse und schaue ihm dabei zu. Er scheint so ein Gemeinschaftsmensch zu sein, einer, der Post-Dreh-Melancholie bekommt. Laut Wetterradar soll es gleich regnen, er muss sich beeilen. Ich klettere in die alte Scheune und rufe geisterhaft seinen Namen. Philip schaut kurz hoch: „Sag mal, Hedda, du hast doch einen Führerschein, oder?” Ich beuge mich in das kleine Fenster hinein: „Stimmt, aber halt abgelaufen.” Luana durchquert den Hof, schüttet die Kaffeekanne in die Kanalisation aus: „Du willst doch Filme machen. Wie willst du Filme ohne Führerschein machen?” Philip stimmt zu, ich könnte ihn erneuern lassen: „Wir können auch mal zusammen ins Polygon gehen und über Autofahren bonden.” „Aha, aber ich dachte, wir wären schon Freunde. Ich dachte, wir hätten eine stabile, tiefgründige Freundschaft.” Philip lacht und wirft eine Krokoklammer in die Kiste: „Ich glaube nur, du wärst eine gute Fahrerin.”
Auf der Rückfahrt übe ich in meinem Kopf Autofahren: seitlich parken, Gänge wechseln, Spuren wechseln, mühelos durch Serpentinen, Ellbogen aus dem Fenster, drifting auf leeren Parkplätzen, tequila shots und saoko papi.
Zu Hause angekommen, buche ich Flugtickets nach Rumänien. Meine Eltern fragen, warum es plötzlich so dringend ist: „Glaubst du, deine Filmkarriere scheitert an einem abgelaufenen Führerschein?”
Am Flughafen telefonieren wir hin und her, verpassen uns ständig. Von Weitem sehe ich endlich meine Mutter. Sie sieht wie ein Phantom aus, blass und schwebend. Ich erkenne sie an ihren dünnen Beinen. Meinen Vater hat sie irgendwo bei der Rolltreppe verloren, und es geht ihr schlecht, richtig schlecht, so schlecht wie selten. „Warum hast du nichts gesagt? Ich hätte den Zug genommen.” Im Auto schläft sie nach wenigen Minuten ein. Sie hat vor nicht allzu langer Zeit das Gleichgewicht im Innenohr verloren, und seitdem kann sie für lange Strecken nicht mehr Auto fahren. „Das passiert manchmal im Alter”, erklärt mein Vater, als ein gelber Ferrari mit demselben Kennzeichen wie wir an uns vorbeifährt. Mein Vater fängt an, dem Ferrari zu folgen. Seitdem er in Rente ist, hat er wieder Spaß am Leben. Er macht hektische Überholungsmanöver, fährt Slalom zwischen Lastwagen und vollgepackten Autos auf ihrem Weg in die Berge. Die Chilli Cheese Balls rutschen auf dem Armaturenbrett von einer Seite zur anderen und meine Mutter wacht auf. Sie öffnet das Fenster und flucht. Nein, sie flucht nicht. Wir biegen am Straßenrand ab, wo sie sich übergibt. Der gelbe Ferrari ist längst nicht mehr in unserem Blickfeld.
Wir fahren 50 km/h, werden von Autos angehupt, halten aber unseren Blick zur Straße. Langsam erreichen wir die Stadt, sie ist grün und dicht und ich erkenne sie nicht wieder. Ich habe die Stadt seit zehn Jahren nicht mehr im Frühling gesehen. Ich werde irgendwie sentimental und bekomme plötzlich Lust, durch die Straßen zu laufen, auf der Wiese zu liegen, alte Freunde zu treffen.
Meine Mutter leiht mir ihre Frühlingsschuhe aus und ich laufe zum medical check. Ich hatte vergessen, wie müde mich diese Bergluft macht und wie unangenehm die Sonne hier scheint. In einem hellen Dachboden, an einem langen Tisch, sitzen Ärzt:innen mit milchigen Augen und gekrümmten Rücken. „Diabetes? Bluthochdruck? Schwindel?” Das Papier wird unterschrieben, gestempelt und weitergegeben: „Nervenprobleme?” Ich frage mich, wie diese Veteranen in ihren weißen Mänteln die schmalen Treppen bis hier oben geschafft haben. Vielleicht verlassen sie den Dachboden auch nicht, vielleicht sind sie nach dem Krieg hier eingezogen und geblieben. „Haben Sie Hörschwierigkeiten? Knochenbrüche? Ängste?”
Ich laufe mit dem abgestempelten Papier in der Hand auf der längsten rumänischen Straße: keine Bäume, kein Schatten, der Bürgersteig ist ein Meter breit. Der Asphalt verbrennt meine Füße, meine Füße brennen wirklich. Ich setze mich an den Straßenrand, ziehe meine Schuhe aus und schütte kaltes Wasser aus der Flasche über sie. Die Verkäuferin vom Kiosk schaut mich skeptisch durch die Fensterscheibe an. Ich denke, ich war schon immer zu cool für diese Stadt.
Die Führerscheinstelle ist in einem Carrefour versteckt, alles verläuft umgangssprachlich. Der Mitarbeiter hat einen ungarischen Akzent und eine rave Frisur, ich halte meine Schultern gerade und er schießt das Foto. Ich bin mir sicher, ich habe geblinzelt, frage zweimal nach. „Der Führerschein wird in drei Tagen an diese Adresse geliefert.” „Ich muss aber früher schon los.” „Kein Problem, jemand muss aber zu Hause sein, wenn der Postbote oder die Postbotin kommt.”
Im Park spielen Rentner Rummy und Schach auf Steintischen. Sie haben sich Tischdecken und Kaffee mitgebracht. Gegenüber bei den Tulpen machen Jugendliche in Uniform Jahrbuchfotos. Ein alter Freund spaziert durch die Kastanienallee. Er hat sich letztens in einem Zoom-Call nicht erkannt, er hat sich von jeder Seite auf dem Bildschirm inspiziert und sich gefragt, wer diese Person ist. Und auch wenn er träumt, dann träumt er von sich mit dem Gesicht von vor zehn Jahren. Ich versuche mich an das alte Gesicht zu erinnern: „Wenn ich träume, dann sind es eher Situationen. Die Gesichter, von denen ich träume sind unscharf und chamäleonartig.” Er zieht an seinem Vape, verschwindet kurz in einer Vanille-Bergamotte-Wolke und fragt, wann ich den Film mit dem Stalljungen mache, von dem ich ihm mal auf der Mall Terrasse erzählt habe. „Das ist mir zu Hallmark Cliché, ich bin jetzt Avantgarde, aber es wird kritisch mit der Zeit und so.” „Du hast doch Zeit, mehr Zeit als wir hier - in den Bergen vergeht die Zeit viel schneller.” Er streckt beide Hände in den Springbrunnen und wäscht sich das neue Gesicht.
Zurück zum Flughafen fahren wir an den Bergen und Rapsfeldern vorbei. Alles ist gelb und blau. Meine Mutter ist zu Hause geblieben, sie sitzt für die nächsten drei Tage in der Küche am Fenster und wartet auf die Postbotin. Jedes Mal wenn sie Schritte draußen hört, schaut sie hinaus in den Hof.

