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DIE TREPPE ZUM VORFÜHRRAUM

Hotte und sein Odeon, da passte kein Blatt dazwischen, zumindest nicht zwischen ihm und seinem Vorführraum. Hingegen das, was im Foyer und Saal geschah, war ihm nicht so wichtig, folgerichtig verließ er auch äußerst selten seinen geliebten Bildwerferraum, erst später wurde er etwas geselliger und ließ sich öfter unten blicken. Davor erklomm er jeden Tag über die große Außentreppe das Dach und den BWR und verließ diesen lange nach Feierabend. Niemand wusste, was er dort noch so lange gemacht hat.
 

Bei Hotte konnte alles sowieso sehr lange dauern, seine legendären Telefonate liefen ungefähr so ab: Das Telefon im Odeon hing – natürlich – direkt neben dem Projektor, dem Ernemann 10. Um mich zu erreichen, rief Hotte mehrfach an, das stellte sich auf meinem Anrufbeantworter so da: Es piepste, man hörte etwa fünf Sekunden den Projektor laut rattern, es piepste wieder, wieder der Projektor, wieder ein Piepsen und das wiederholte sich dann mehrfach und irgendwann legte sich seine kräftige und laute Stimme über das Rattern: “Vorführer Odeon, bitte um Rückruf.” Da ich aber nie wusste, ob es ein wichtiges Anliegen war, wie zum Beispiel, dass er dringend eine Vertretung brauchte, oder aber, ob es ihm nur darum ging, mir mitzuteilen, dass an der Ernemann ein Röllchen ein verändertes Geräusch machte, er das aber mit einem besonderen Schmieröl lösen konnte. Das machte den Rückruf für mich zu einem Problem, denn das Telefonat würde definitiv lange dauern und den Grund des Anrufs, den sollte ich stets erst am Ende erfahren, am Ende eines langen Telefonats, von der Erfindung des Kinos bis zur aktuellen Situation im Odeon bei der Yorck-Gruppe, dann erst sein Anliegen.

 

Mein Bruder Stefan erzählt bis heute die Geschichte vom Besuch des chinesischen Restaurants an der Rehwiese, unserer damaligen Stamm-Lokalität. Die Familie saß fröhlich am Tisch, ich wollte nur schnell auf Toilette gehen, da lief ich an dem Münzfernsprecher vorbei, dieser hängt bis heute unverändert an gleicher Stelle, nur dass das Restaurant jetzt ein Indisches ist. Na gut, könnte ja auch etwas Wichtiges gewesen sein, immerhin hat Hotte viermal angerufen, diesmal kann ich ja wirklich nur ganz kurz nach seinem Anliegen fragen… Irgendwann erschien Stefan, man machte sich am Esstisch ernsthaft Sorgen, ob mir auf der Toilette irgendetwas zugestoßen ist.

 

So einfach kam man natürlich nicht in die heiligen Projektionsräume des Odeons. Hotte arbeitete stets sechs Tage die Woche, konsequent von Montag bis Sonnabend, der Sonntag war ihm heilig, da wollte er frei haben. Und einer dieser Sonntagsvertreter wollte ich unbedingt werden, denn Hotte war der einzige Filmvorführer, der seinen Beruf noch richtig als Ausbildung gelernt hatte. Im Delphi-Kino hatte er seine Abschlussprüfung gemacht. Absichtlich von den Prüfern eingebaute Störungen am Projektor ausfindig machen und den Fehler beheben, das war Teil der Abschlussprüfung, so hat er mir seine Lebensgeschichte erzählt. Aber auch ich kam nicht so schnell in sein Heiligtum, seinen BWR, ich musste ihm erst beweisen, dass ich würdig und fähig war, seine von ihm akribisch gepflegten Projektoren zu bedienen, eine Ernemann 10, eigentlich nur noch gedacht für das Vorprogramm und eine Philips DP75, relativ frisch eingebaut, zusammen mit einer Telleranlage für 70mm-Projektion. Mein selbstgebautes und liebevoll betriebenes Schmalfilm-Heimkino ‚Jörg-Palast‘ war natürlich ein sofortiger Türöffner. Ich musste nur mit einigen Fotos des ‚Jörg-Palast‘ Hotte einen Besuch im BWR des Odeons abstatten und die Sache war geritzt.

 

Im Vergleich zu den kleinen Broadway-Kinos war das große und schöne Odeon ein richtiges Filmtheater und da durfte ich nun vorführen! Endlich mal ein wirklich aufgeräumter und gepflegter Vorführraum. Einziger Nachteil: Tendiert man zu leicht zwanghaftem Verhalten, dann konnte man dort seinen Spaß haben, endlos lange prüfende Blicke, hatte man alles richtig gemacht, sieht es genauso ordentlich aus, wie beim Betreten? Ja, sogar der Vorführerstuhl sollte in einem bestimmten Winkel zum Ernemann-Projektor stehen. Wie auch immer, es hat Spaß gemacht und ich freute mich jedes Mal wenn im Broadway der Münzfernsprecher im Foyer klingelte und Hottes eigentliche Sonntags-Vertretung mir mal wieder mitteilte, dass er keine Zeit hätte und ob ich einspringen könnte?

 

Die Philips DP75 stieß bei Hotte nicht auf uneingeschränkte Begeisterung, zu viele verschleißbare Kunststoffteile und das Gehäuse wirkte eher wie aus Blech, zumindest im Vergleich zur quasi aus einem Block gefeilten massiven Ernemann 10. Joghurtbecher nannte sie der Yorck-Cheftechniker einmal, das war natürlich ungerecht, denn die Projektionen waren hervorragend. Aber Hotte projizierte die Filme dennoch ausschließlich mit seiner stabilen Ernemann, bis, ja bis es in den 90ern zur ersten 70mm-Projektion kommen sollte. Da war Hotte natürlich aufgeregt und fieberte dem entgegen, aber es sollte für ihn alles ganz anders kommen: Die Außentreppe zum BWR, sie war noch aus dem Jahr des Baus des Odeons, das damals, bis die Yorck-Gruppe kam, noch die ‚Sylvia Filmbühne‘ war. Es hieß damals, die Treppe sei nicht mehr zeitgemäß, würde den aktuellen Richtlinien nicht mehr entsprechen, sie sei zu rutschig. Also wurde nur Wochen vor der 70mm-Premiere aufwändig eine neue Treppe installiert, mit allen sicherheitsrelevanten Voraussetzungen.

 

Hotte war in den Wochen vor dem 70mm-Start oft noch sehr spät in seinem geliebten Vorführraum. An einem der routinemäßigen Vertretungssonntage, der Hauptfilm lief, klopfte es oben an der BWR-Tür, es war Frau Westphal, Hottes Ehefrau. Ich ahnte, dass irgendetwas nicht stimmte:Es war wieder eine dieser Nächte, die Hotte ewig lange im BWR verbrachte, was auch immer er da noch tat,wenige Tage vor dem ersten 70mm-Einsatz im Odeon. Als er nachts den BWR verließ, blieb er mit einem Schuh auf der neuen Treppe hängen. Diese war nun extra so angefertigt, dass man einen sehr guten Halt hat, auch bei Regen und Eis. Der Halt war zu gut, Hotte hatte sich jahrzehntelang an die alte, rutschige Treppe gewohnt. Er strauchelte und rollte regelrecht wie bei einem Purzelbaum die neue Treppe runter. Später konnte man auf seinem Kopf noch das Muster der neuen Treppenstufen erkennen, so hart ist er aufgeschlagen. “The show must go on.” Hotte konnte nicht sein seit Monaten, gar Jahren entgegengefieberten ersten 70mm-Film in seinem Odeon versäumen, für die technische Einrichtung hatte er doch so viel geleistet. Also schleppte er sich ins Foyer, wollte sich nur kurz ausruhen und dann – wird schon gehen – nach Hause fahren, am nächsten Tag hätte er eh frei gehabt. Eine Kollegin aus der Reinigung fand ihn am frühen Morgen, Blut überall, der schwerverletzte Hotte auf einem Stuhl. Das war’s leider für ihn und die 70mm-Premiere, Krankenhaus und eine lange Reha, er kam erst ein Jahr später wieder zurück ins Odeon. 

70mm-Film, den hatte ich bisher noch nie vorgeführt, in den vier damaligen Berliner 70mm-Kinos Royal- und Zoo-Palast, City (Royal 2) und im Delphi-Filmpalast hatte ich bis dato noch nicht gearbeitet. Es lief eigentlich alles glatt, aber nicht von Anfang an. Kenneth Branagh “Hamlet”‘ mit Magnettonspur war so lang, dass der Teller der Projektionsanlage bis zur Kante voll war und durch das ungeheuerliche Gewicht etwas Zeit brauchte, um die richtige Geschwindigkeit zu erreichen. Die Zeit gab es aber nicht, zu Beginn der Projektion ist der Kern noch ganz klein, also muss sich der Teller zu Anfang besonders schnell drehen. Das konnte er aber nicht sofort, das gewaltige Gewicht war zu viel und der Film riss bei den ersten Starts stets direkt am Anfang. Da war wieder Handarbeit gefragt: In dem Augenblick, in dem der Vorführer den Projektor startete, ergriff ein Techniker beherzt den Teller und gab ihm einen mächtigen Schwung. Das funktionierte sehr gut, bis schließlich eine Lösung gefunden wurde und die Gummirolle des Antriebsmotors einen festeren Andruck bekam. Ab dann wurden nicht mehr zwei Menschen für den Filmstart benötigt.

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Jörg Maske hat nach seiner Ausbildung zum Elektromechaniker als Filmvorführer im Kino gearbeitet. Sein abwechslungsreiches Berufsleben führte ihn u.a. von der UFA zu diversen Tätigkeiten in der Yorck-Kinogruppe (seit über 30 Jahren bis heute), ein Jahr ‚Disneyland Paris‘, ein halbes Jahr Nachtzugschaffner, seit 25 Jahren jeden Februar Berlinale, seit 2018 im Besucherservice im GRIPS-Theater und zum Glück auch heute noch immer wieder mal 70mm-Projektionen.

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