DAS LOCH IM GESICHT
DES POETEN
Ich habe neulich einen Film über einen Poeten gesehen, der betrunkene Tiraden hält, am Straßenrand in Medellín aufwacht und sich am liebsten, wie der kolumbianische Nationalpoet José Asunción Silva, mit dreißig ins Herz geschossen hätte. Das letzte Mal, dass er etwas geschrieben hat, liegt Jahrzehnte zurück. Inzwischen ist er Alkoholiker und arbeitslos, gerät in dubiose Ponzi-Schemes, wohnt bei seiner Mutter und fragt seine Tochter nach Taschengeld. Seine Existenz ist nur noch ein trauriges Gedicht.
Der Regisseur erzählt in einem Interview, dass er die Figur des Poeten und generell die Tonalität des Films neu entdecken musste, nachdem ein Freund ihm das Facebook-Profil von Ubeimar Rios gezeigt hatte. Ubeimar Rios unterrichtet seit 40 Jahren Philosophie, schreibt auch Gedichte und steht zum ersten Mal vor der Kamera. Er trägt das tragikomische Gesicht des Poeten mit der gleichen Konsequenz wie Noriko ihr Lächeln in Late Spring.
Ich bin neugierig, ob ich dieses ikonische Gesicht des Poeten in Ubeimars Facebook-Profil erkennen kann. Seine Timeline besteht aus Rock-Konzerten und Poesie-Festivals, seine Fotos werden von ehemaligen Studierenden kommentiert: „profe exzellente“, „el mejor profe“. In seinem letzten Beitrag, noch vor der Cannes-Premiere, schreibt er: „Ich hoffe, ihr könnt den Film sehen, um euch zu amüsieren und auch das zu bedauern, was ein Poet erlebt hat.“
In einem seltenen Moment des Glücks, als der Poet mit seiner Mutter und Tochter Rummy spielt, bricht sein Lächeln abrupt in eine Grimasse. Sein Mund verzieht sich zu einem Vakuum, und es ist, als würden Augen, Hals und Schultern gar nicht existieren – nur der Mund, wie ein schwarzes Loch, das alles aufsaugt und vergessen lässt.
Nach dem Film bewege ich mich irgendwie komisch. Diese Schwere ist an meinem Körper hängen geblieben, und ich trage sie überall mit mir: vom Kino auf dem Weg nach Hause bis zum nächsten Morgen um sechs, wenn das Licht in mein Zimmer dringt und ich nicht mehr einschlafen kann.
Ich muss an meinen Onkel denken, der immer zu lächeln schien, selbst wenn er es nicht tat – was ich immer charmant fand, aber auch sehr verwirrend. Er hatte eine Bar auf unserer Straße, die Britannia Arms hieß. Die Bar wurde zunächst von Geldwechslern und Journalisten frequentiert, später nur noch von Geldwechslern, die beim Abschied immer etwas mitgenommen haben: Gläser, Aschenbecher, Holzdielen. Er betrieb die Bar nur für kurze Zeit, weil er angefangen hatte, viel Alkohol zu trinken und sich auf dem Heimweg immer häufiger zu verirren. Wir mussten in der ganzen Stadt nach ihm suchen. Meistens saß er verwirrt an einem Springbrunnen oder an einer Kreuzung, doch eines Morgens lag er in einem 20 Meter tiefen Loch.
Wenn er Have you ever seen the rain nicht laut gesungen hätte, hätten wir ihn wahrscheinlich auch nicht gefunden. Wie er genau gefallen ist, bleibt ein Mysterium, denn er hatte keine Verletzungen. Als wir ihn mit einem Seil hochzogen, hat er uns verwirrt angeschaut, wie nach einem Fiebertraum. Später verkaufte er die Bar und eröffnete ein Übersetzungsbüro.
Ich entscheide spontan, zur Ostsee zu fahren, aber auch da verfolgt mich das tragische Gesicht des Poeten: in der RE3 nach Graal-Müritz und zurück – wer hätte gedacht, dass dieser Poet mit Schultern aus Blei so schnell laufen kann? Er läuft, um seinem Unglück zu entkommen, schneller als die Bahn; als ich aussteige, ist er schon auf dem Gleis in Gesundbrunnen und fragt: „Lebst auch du in tiefgründiger Traurigkeit? Bist auch du melancholisch?“ hmm. Meine melancholische Freundin Cerasella hat neulich beim Tanzen kurz ihre unglückliche Liebe vergessen und dann ihre Bierflasche gegen die Wand geschlagen. Sie nahm eine Scherbe vom Boden, schnitt sich in den Bauch und schrie: „Wo ist der Schmerz? Wo ist der Schmerz?“ Ich hingegen bin nicht melancholisch – ich schlafe nur zu wenig.
Der Poet sitzt auf einer Bank im Park, spürt die Sonne auf seinem Gesicht und plötzlich hat er seit vielen Jahren das Bedürfnis, zu schreiben. Er eilt nach Hause, nimmt das Bild von José Asunción Silva von der Wand, duscht und setzt sich an seinen Schreibtisch. Er versucht, ein fröhliches Gedicht zu schreiben, doch der Akt wird von seiner Mutter unterbrochen, die ihn auffordert, einen Krankenwagen zu rufen. Sie stirbt, und der Poet steht weinend im Krankenhausflur, seine Tochter am anderen Ende, sein Gedicht wird im Off rezitiert. Die Tochter geht auf ihn zu, und in der Umarmung setzt sich abrupt der Abspann auf der spanischen Ballade Corazón de Poeta ein.
Ich erzähle auf der Arbeit, dass mein Zimmer auf der Südseite liegt und dass meine Schlaflosigkeit vermutlich vom Licht kommt. Mein Kollege Erik, angehender Poet und echter Tierfreund, der eine reiche und ziemlich coole Frau hat, die sich mit Wein auskennt, versteht das Problem und empfiehlt mir die 3D-Schlafmaske von dm.
Ich liege nun seit Wochen um sechs Uhr morgens in absoluter Dunkelheit. Ich weiß gar nicht, ob meine Augen offen oder geschlossen sind, und das erste Bild, das mir erscheint, ist die Küche meiner Eltern am frühen Morgen. Durch das Fenster fällt ein Lichtstrahl auf den Tisch, wo noch das Geschirr vom Abend zuvor trocknet, und ich schlafe ein.

